Tiefenstaffelung & Reverb im Mix (2026)
Dein Mix klingt fertig, aber irgendwie flach? Alles klebt vorne an den Boxen, nichts hat Raum, nichts atmet?
Warum dein Mix flach klingt
Genau hier trennt sich Hobby von Profi. Ein guter Mix steht auf drei Dingen: die Frequenzen müssen sitzen, der Sound muss Druck haben und jedes Instrument braucht seinen Platz in der Tiefe. Die Tiefe ist die schwerste der drei und genau das Thema, um das sich kaum jemand kümmert. Los geht's!
Was ist Tiefenstaffelung?
Tiefenstaffelung heißt, jedem Instrument seinen eigenen Platz im Raum zu geben, vorne, in der Mitte oder weit hinten. So entsteht aus einer flachen Stereo-Spur ein dreidimensionaler Mix, in dem die Sängerin vor der Band steht und die Drums den Raum dahinter füllen.
Es gibt keinen einzigen guten Mix auf diesem Planeten, der keine Tiefe hat. Selbst Aufnahmen, die trocken wirken, haben Raum, nur eben dezent eingesetzt.
Das 2-Lautsprecher-Problem
Im echten Konzertsaal kommt der Direktschall von der Bühne und überall reflektiert der Raum, von den Wänden, der Decke, dem Boden. Genau diese Reflexionen sagen deinem Gehör, wie groß der Raum ist und wo etwas steht.
Der große Nachteil als Homerecorder ist, dass du diesen Raum nicht hast. Du hast nur zwei Lautsprecher, aus denen das Direktsignal kommt. Die Reflexionen fallen alle weg.
Stell dir den Raum hinter deinen Boxen wie eine Bühne vor, die nach hinten in die Tiefe reicht. Jeder Sound ist eine Kugel auf dieser Bühne. Große, tiefe Instrumente wie Bass und Kick brauchen viel Platz, kleine helle Sounds wenig. Je mehr Kugeln du hast, desto enger wird es und desto mehr verdecken sie sich gegenseitig.
Fehlt der Raum, hängt alles auf der Phantomlinie, der gedachten Mittellinie zwischen deinen Boxen. Die Kugeln liegen übereinander, die Frequenzen maskieren sich und der Mix wird intransparent. Genau das meint zuklastert. Das ist der Grund, warum du Reverb brauchst: diesen Raum musst du simulieren.
Wie dein Gehör Tiefe hört
Dein Gehirn ortet Sounds auch über die Frequenz. Signale, die viel um 1000 Hz haben, nimmt das Gehör eher von hinten wahr. Was bei 5000 Hz präsent ist, kommt von vorne. Deshalb wirken dumpfe Sounds weiter weg und brillante Sounds nah.
Genau diese Logik nutzt du später: Wer einen Sound nach hinten schicken will, nimmt ihm oben rum etwas High-End und gibt ihm Raum. Wer ihn nach vorne holen will, lässt ihn hell und trocken.
Profi Insights · Die wichtigsten Punkte aus der Praxis
Bevor es tief reingeht, hier die Reihenfolge, in der du Tiefe aufbaust. Halte dich daran, dann verrennst du dich nicht:
- Erst aufräumen
Bevor Reverb ins Spiel kommt, müssen beim Abmischen die Frequenzen sitzen. Reverb auf einem matschigen Grundsound macht den Matsch nur größer. - Den Platz verteilen
Sänger nach vorne in die Mitte, Drums einen Schritt zurück, Flächen und Bläser weiter hinten. Kein Instrument darf am selben Punkt sitzen wie ein anderes. - Reverb auf Send
Nie den Hall direkt aufs Signal legen. Ein Send-Bus, auf den mehrere Spuren gehen, den du extra bearbeiten kannst. - Im Mix prüfen, nicht im Solo
Im Solo klingt jeder Hall toll. Ob er funktioniert, hörst du nur im ganzen Song.
Die fünf Werkzeuge der Tiefe
Reverb ist nicht das einzige Werkzeug für Tiefe, sondern das letzte. Davor kommen vier weitere, die zusammenarbeiten. Auf der Bühne hinter deinen Boxen verschiebt jedes Werkzeug einen Sound auf einer Achse. Drei Achsen spannen den Raum auf: links und rechts über das Panning, oben und unten über den EQ, vorne und hinten über die Lautstärke. Jeder Sound sitzt an einem Punkt in diesem Raum.
Lautstärke: vorne oder hinten
Die Lautstärke ist dein wichtigstes Tiefen-Werkzeug. Lauter heißt näher, leiser heißt weiter weg, genau wie im echten Leben. Bevor du an Reverb denkst, entscheide über die Fader, was vorne steht und was hinten verschwindet.
Panning: links oder rechts
Panning verteilt die Sounds auf der Breite. Mitte reservierst du für Lead Vocal, Kick, Snare und Bass. Alles andere geht so weit nach links und rechts, wie es geht.
Wichtig dabei die 30-Millisekunden-Regel: zwei Signale mit weniger als 30 ms Abstand verschmelzen für dein Gehör zu einem fetten Sound. Erst darüber hörst du zwei getrennte Quellen. Deshalb klingt eine echt doppelt eingespielte Gitarre breit, eine kopierte dagegen springt zurück in die Mitte.
Dynamik: nach vorne holen
Hier geht es darum, wie viel Transient ein Signal hat. Mit stärkerem Transient liegt das Signal weiter vorne. Je weniger Transient, desto weiter rückt es in die Tiefe nach hinten. Mit einem Kompressor bearbeitest du den Transient und holst die Rauminformation, die im Signal steckt, nach vorne, mit einer schnelleren Release noch mehr. Damit ein Signal gleichmäßig auf einem Punkt bleibt, braucht es Konsistenz.
EQ: oben oder unten, nah oder fern
Hohe Frequenzen wirken oben und nah, tiefe unten und weit weg. Nimmst du einem Sound oben raus etwas High-End, schiebt er sich nach hinten. Stell dir einen Sprecher vor: aus 10 cm Entfernung hörst du alle Höhen, aus 10 Metern sind sie weg. Genau das baust du mit dem EQ nach.
Effekte: der Raum selbst
Erst jetzt kommen Reverb und Delay ins Spiel. Sie liefern den eigentlichen Raum, in dem alles steht. Die anderen vier Werkzeuge platzieren die Quelle, der Reverb baut die Wände drumherum. Das zeige ich dir ab jetzt im Detail.
Was ist Reverb?
In diesem Kapitel verstehst du, was hinter dem Wort Reverb steckt, und warum der häufigste Reverb-Fehler genau der ist, den fast jeder macht. Probier dabei das interaktive Tool aus, da wird das Ganze sichtbar.
Die virtuelle Wand
Reverb, also Nachhall, ist die Summe vieler verzögerter Reflexionen, die immer leiser werden und einem Signal Raum und Tiefe geben. Im Mix nutzt du ihn wie eine Wand hinter den Boxen.
Hinter deinen Lautsprechern ist physikalisch kein Raum, da steht ja kein Lautsprecher. Reverb baut diese fehlende Wand künstlich auf. Der Schall geht gedanklich nach hinten, trifft die Wand und kommt verzögert zurück. Erst dadurch glaubt dein Gehör, dass die Stimme in einem echten Raum steht.
Ohne diese Wand existiert kein Raum, kein Charakter, nur trockene Isolation. Mit ihr bekommt jedes Instrument Größe.
Early Reflections und die Hallfahne
Ein Reverb besteht aus zwei Teilen. Zuerst kommen die Early Reflections, die ersten klaren Rückwürfe von den Wänden. Sie sagen deinem Gehör, wie groß der Raum ist und wie weit die Wände weg sind. Danach folgt die Hallfahne, der dichte, diffuse Schwanz, der langsam ausklingt.
Warum verschmelzen die vielen Rückwürfe zu einer Fahne? Genau wie beim Film. Ab etwa 25 Bildern pro Sekunde sieht dein Auge keine Einzelbilder mehr, sondern eine fließende Bewegung. Mit Reflexionen ist es dasselbe: kommen genug davon in kurzer Zeit, hört dein Gehör sie nicht mehr einzeln, sondern als einen Hall.
Die Early Reflections machen den Raum erkennbar, die Hallfahne macht ihn groß. Im Tool schaltest du die Early Reflections weg und hörst sofort, wie der Raum diffus und weit weg wird, weil die Info über seine Größe fehlt.
Der häufigste Reverb-Fehler
Die meisten machen es so: Sie wollen ein Instrument näher haben, also drehen sie den Reverb runter. Das ist falsch. Nähe entsteht nicht durch weniger Reverb.
Groß wird ein Sound nur, wenn die Wand antwortet. Drehst du den Hall weg, wird er klein, nicht nah. Mit dem richtigen Verhältnis aus Direktsignal und Wand kann eine Quelle sogar vor den Boxen stehen, größer als das Leben.
Dahinter steckt eine einzige Frage: Klebt die Wand am Signal oder ist sie davon abgekoppelt? Klebt sie dran, zieht sie den Sound mit nach hinten. Ist sie abgekoppelt, bleibt das Direktsignal vorne und die Wand steht laut dahinter. Das ist das eigentliche Ziel beim Reverb, eine Quelle nach vorne oder nach hinten zu setzen, ohne die Kraft der Wand zu verlieren.
Ein schneller Hebel dafür sind die Early Reflections. Sie erzeugen das Im-Raum-Gefühl und ziehen einen Sound nach hinten. Soll etwas klar vorne bleiben, nimm die Early Reflections raus und arbeite stattdessen mit Pre-Delay und einem sanft aufbauenden Hall. Wie du das einstellst, kommt im nächsten Kapitel.
Die Reverb-Parameter
Jeder Reverb hat einen Haufen Regler, und die meisten greifen zuerst zum falschen. Hier lernst du, welche Parameter wirklich über Tiefe und Klarheit entscheiden, und in welcher Reihenfolge du sie anfasst.
Shape und Pre-Delay zuerst
Die meisten fangen bei der Reverb-Zeit an, also wie lange der Hall ausklingt. Die ist aber Geschmackssache. Der wichtigste Regler im Reverb-Design ist ein anderer: der Shape, bei manchen Plugins Attack genannt.
Der Shape beantwortet eine einzige Frage: Kommt der Hall sofort, oder blendet er sanft ein? Ein hoher Shape lässt ihn langsam aufbauen, ein niedriger setzt ihn sofort an. Das ist das Kernkonzept beim Reverb-Design, wichtiger als jede Hallzeit.
Direkt danach kommt das Pre-Delay. Das Pre-Delay ist die Pause zwischen deinem Direktsignal und dem Moment, in dem der Hall einsetzt. Viel Pre-Delay heißt: erst kommt das trockene Signal klar nach vorne, dann erst der Hall. Das Signal bleibt nah und definiert, obwohl der Raum riesig ist. Kein Pre-Delay heißt: das Signal verhallt sofort, es klingt weit weg und verwaschen.
Oft liest du das Gegenteil, viel Pre-Delay schiebe einen Sound nach hinten. Das stimmt nicht. Nach hinten schiebt ihn das fehlende Direktsignal, nicht das Pre-Delay. Genau das nutzt du bei Vocals: ein längeres Pre-Delay hält das Direktsignal vorne, während die Wand dahinter steht.
Beides zusammen ist der Schlüssel: ein großes Pre-Delay hält das trockene Signal vorne, der Shape bestimmt, wie die Wand dahinter aufgeht. So sitzt die Quelle nah und der Raum ist trotzdem riesig.
Decay, Size, Diffusion und Damping
Der Decay, also die Hallzeit, ist die Dauer, bis die Hallfahne ausgeklungen ist. Wichtig: eine lange Hallzeit heißt nicht großer Raum. Sing mal in einer gekachelten Toilette, der Hall ist lang, der Raum trotzdem winzig. Größe entsteht über die Reflexionen und ihren Abstand, nicht über die Zeit.
Die Size ist die simulierte Raumgröße. Klein klingt eng und resonant, fast wie ein gekachelter Raum. Groß klingt großzügig und offen. Als Einsteiger lieber zu groß als zu klein, kleine Räume neigen zu unangenehmen Resonanzen.
Die Diffusion ist das Maß dafür, wie dicht die einzelnen Reflexionen ineinander übergehen. Hoch klingt glatt und dicht, kann den Mix aber zukleben. Nimmst du sie in den frühen Reflexionen zurück, rückt die Quelle nach vorne, weil sie weniger mit dem Direktsignal konkurriert. Lässt du die späte Diffusion etwas unter Vollanschlag, hörst du durch den Hall hindurch und der Mix bleibt transparent.
Das Damping ist die Höhendämpfung der Hallfahne. Ein echter Raum schluckt die Höhen über Distanz, durch das Wandmaterial und durch die Luft selbst. Genau das baut das Damping nach, es macht den Hall natürlich und schiebt ihn nach hinten, ohne dass er nervt. Tiefe Frequenzen klingen im echten Raum dagegen länger nach, ein dezenter Bass-Anteil im Hall wirkt darum natürlicher, bei Kick und Bass aber vorsichtig, sonst matscht der Low-End.
Ein letzter Regler lohnt sich: die Modulation. Sie variiert die Reflexionen minimal in Tonhöhe und Zeit, damit nicht jede gleich klingt. Das macht den Hall lebendig statt steril. Der typische Lexicon-Sound lebt davon, besonders auf Vocals.
Send statt Insert
Schick den Hall nie als Insert direkt auf die Spur, sondern auf einen eigenen Send-Bus. Der Vorteil: du kannst den Reverb extra bearbeiten, ihn EQen, komprimieren, sogar sättigen. Weil er auf einem eigenen Bus liegt, platzierst du auch den Hall selbst im Raum, über EQ heller oder dunkler, über den Pegel näher oder ferner. Und jede Instrumentengruppe bekommt ihr eigenes Reverb-Design: die Vocals einen anderen Hall als die Drums oder die Gitarren. Innerhalb einer Gruppe können sich mehrere Spuren einen Send teilen.
Auf dem Return arbeitest du in einer festen Reihenfolge: erst der Reverb, dann Kompressor, dann Pitch-Modulation, dann Sättigung, dann EQ, zuletzt der Fader. Und beim Einstellen gehst du Regler für Regler vor, erst Shape, dann Pre-Delay, dann Size, dann Diffusion, dann Damping. Nach jedem Schritt hörst du im ganzen Mix gegen, nie im Solo, denn im Solo klingt jeder Hall toll. Ab hier wird es spannend.
Reverb-Typen und Hallgeräte
Jedes Hallgerät klingt anders, und der Algorithmus entscheidet den Charakter. Wer die Typen kennt, wählt gezielt den Sound, der zum Song passt, statt blind das erste Preset zu nehmen. Hör dir die Typen im interaktiven Soundgenerator an, da hörst du den Unterschied direkt.
Algorithmisch oder Convolution
Es gibt zwei Wege, einen Raum zu bauen. Ein algorithmischer Reverb berechnet den Raum mathematisch. Er ist lebendig, voll kontrollierbar und lässt sich modulieren. Ein Convolution-Reverb faltet die echte Impulsantwort eines realen Raums mit deinem Signal. Er klingt authentisch, ist aber statisch und kaum formbar.
Für lebendige, formbare Räume nimmst du algorithmisch. Wenn du eine trocken aufgenommene Spur glaubwürdig in einen echten Raum setzen willst, nimmst du Convolution. Eine Impulsantwort darfst du dabei nie zeitlich dehnen, das zerstört ihren Charakter. Brauchst du mehr Länge, hängst du lieber ein Delay dahinter.
Und du musst dich nicht für einen entscheiden. Profis schichten oft mehrere Reverbs, einen Convolution für die echte Dichte des Raums und darüber einen algorithmischen für Leben und Sauce.
Die sechs Reverb-Typen
- Room: Ein Room simuliert einen kleinen Raum mit vielen frühen Reflexionen und kurzer Fahne. Intim und nah, super für Drums.
- Chamber: Eine Chamber ist die Echo-Kammer der alten Studios, dichter und glatter als ein Room, kürzer als ein Hall. Natürlich auf Vocals.
- Plate: Eine Plate ist kein echter Raum, sondern eine schwingende Metallplatte. Dicht und hell ab der ersten Millisekunde. Der Klassiker auf Vocals und Snare.
- Spring: Ein Spring sind Stahlfedern in einer Wanne, das Boing aus dem Gitarren-Amp. Mittig, metallisch, Charakter statt Sauberkeit.
- Hall: Ein Hall ist der große Saal mit langer, weicher Fahne. Schafft Größe und Tiefe, will aber dosiert werden, sonst zuklastert er den Mix.
- Nonlinear: Ein Nonlinear ist der 80er-Gated-Sound. Die Fahne klingt nicht aus, sondern wird hart abgeschnitten. Macht Drums riesig.
Hallgeräte und ihr Sound
Die großen Hallgeräte haben ganze Jahrzehnte geprägt. Das EMT 140 von 1954 war die erste Plate. Das EMT 250 brachte 1976 den ersten digitalen Hall. Die Lexicon 224 und 480 wurden ab Ende der 70er zum Studio-Standard. Das Bricasti M7 steht für den modernen, hochauflösenden Hall.
Wichtiger als das Baujahr ist der Charakter. Ein Bricasti macht etwas nah und riesig zugleich, ideal wenn eine laute Snare oder ein Lead-Vocal vorne bleiben und trotzdem groß klingen soll. Andere Geräte wie der Quantec schieben eine Quelle gezielt nach hinten, gut um etwas Trockenes in den Raum zu setzen. Ein Lexicon ist die üppige Sauce über dem Ganzen, lecker, aber dosieren. Das ist wieder dieselbe Achse: klebt die Wand am Signal oder bleibt das Signal vorne.
Wer weiß, welches Gerät welchen Charakter hat, wählt seinen Sound bewusst statt blind ein Preset zu nehmen. Die ganzen 80er-Sounds kommen gerade wieder und genau diese Lexicon- und Plate-Charaktere stecken dahinter.
Reverb in der Praxis
Jetzt setzt du alles zusammen. In der Praxis gilt: Reverb funktioniert nur, wenn er hörbar anders klingt als das Direktsignal und zur Dichte des Songs dosiert ist. In diesem Kapitel bringst du ihn auf echte Spuren, ohne den Mix zuzuklastern.
Hall und Direktsignal trennen
Wenn Hall und Direktsignal zu ähnlich klingen, kämpfen sie um denselben Platz und maskieren sich. Der Trick ist, den Reverb hörbar anders zu machen als das trockene Signal. Auf dem Reverb-Send hast du drei Werkzeuge dafür.
Das erste ist eine Pitch-Modulation. Sobald der Hall durch die leichte Tonhöhen-Variation minimal anders klingt als das Original, liest dein Gehirn beide als getrennte Quellen. Die Konkurrenz um denselben Platz fällt weg und der Hall darf laut sein, ohne zu maskieren.
Das zweite ist Sättigung. Verzerrst du den Reverb leicht, baust du im Grunde ein Röhren-Raummikro nach, so wie ein U47 als Raummikro im großen Studio. Der Hall hebt sich klar vom Direktsignal ab, das Direktsignal bleibt vorne und du holst trotzdem die ganze Größe des Raums.
Das dritte ist Kompression. Setz einen Kompressor hinter den Reverb-Send. Solange gesungen wird, kommt viel Energie in den Hall, der Kompressor duckt ihn genau dann weg und die Stimme bleibt klar. Lässt das Signal nach, kommt die Fahne laut zurück. Mit Look-ahead und langem Release gibt das Definition und Sustain wie echte Raummikros, ein kurzer Release macht es punchiger Richtung Gated.
Eine kleine Faustregel als Test: Hör den Reverb solo, ohne das Direktsignal. Klingt er deutlich anders als das trockene Signal? Wenn er zu ähnlich klingt, gib mehr Pitch-Modulation oder Sättigung dazu, bis sich Wand und Quelle klar trennen.
Und wenn ein Sound eine bestimmte Frequenz braucht, um zu funktionieren, gib sie in den Reverb-Send statt ins trockene Signal. Dann sitzt das Dry sauber und der Raum trägt die Färbung.
Drums, Vocals und Dichte
Auf die Drums kommt ein Room-Reverb, kein großer Saal. Er gibt dem Schlagzeug Raum, ohne mit den Vocals zu konkurrieren. Schick am besten alle Drum-Spuren auf einen gemeinsamen Room-Send, die Kick etwas zurückgenommen, dann klebt das ganze Kit als ein Raum zusammen. Eine Snare, die zu eng und mittig klingt, machst du nicht im Direktsignal hell, sondern gibst die Brillanz gezielt in den Reverb-Send.
Bei Vocals ist oft ein längeres Pre-Delay sinnvoll. Das hält das Direktsignal im Vordergrund, die Hallfahne folgt erst danach. Dazu ein nicht zu langer Hall, damit die Stimme nah bleibt.
Und je voller der Mix, desto weniger Reverb. Wenn du fette Gitarrenwände hast und da richtig viel passiert, arbeitest du sparsamer mit Reverb, weil er sonst den ganzen Mix zuklastert. Bei einem sparsamen Song darf der Hall dagegen groß sein.
Lass dich von Referenzen leiten
Bevor du am Reverb feilst, lad dir einen professionellen Mix aus deinem Genre als Referenz in die Session. Royals von Lorde lebt von seinem weiten Raum, Blinding Lights von The Weeknd von seinem klaren 80er-Hall. So hörst du, wo du hinwillst, statt im Dunkeln zu schrauben.
Am Ende geht es nicht um Regler, sondern um Emotionen. Tiefe ist das, was einen Mix lebendig macht. Leg wirklich alles rein.
Dein Christian
Wo steht dein Mix gerade wirklich?
Lad deinen Mix hoch und der Mix-Check analysiert ihn direkt im Browser. LUFS, Dynamik, True Peak, Mono-Kompatibilität und die tonale Balance, alles in rund einer Minute. Dein Audio bleibt dabei auf deinem Rechner, nichts wird hochgeladen.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist Tiefenstaffelung im Mix?
Tiefenstaffelung heißt, jedem Instrument seinen eigenen Platz im Raum zu geben, von ganz vorne bis weit hinten. Aus einer flachen Stereo-Spur wird so ein dreidimensionaler Mix, in dem nichts mehr übereinander auf der Phantomlinie klebt. Du baust sie über fünf Werkzeuge auf: Lautstärke, Panning, Dynamik, EQ und Effekte wie Reverb.
Was ist Pre-Delay beim Reverb?
Pre-Delay ist die kurze Pause zwischen deinem trockenen Signal und dem Moment, in dem der Hall einsetzt. Viel Pre-Delay lässt das Direktsignal zuerst klar nach vorne kommen, erst danach folgt die Hallfahne. Das Signal bleibt nah und definiert, obwohl der Raum groß ist. Ohne Pre-Delay verhallt das Signal sofort und es klingt weit weg und verwaschen. Oft heißt es, viel Pre-Delay schiebe einen Sound nach hinten. Das stimmt nicht. Genau dieses Pre-Delay hält das Direktsignal vorne. Bei Vocals ist deshalb oft ein längeres Pre-Delay sinnvoll.
Reverb auf Send oder Insert?
Auf einen Send. Schick den Hall nie direkt aufs Signal, sondern auf einen eigenen Send-Bus. So kannst du den Reverb extra bearbeiten, ihn EQen, komprimieren oder sättigen. Jede Instrumentengruppe bekommt ihr eigenes Reverb-Design, mehrere Spuren einer Gruppe teilen sich einen Send. Ein Insert auf jeder einzelnen Spur nimmt dir genau diese Kontrolle.
Was ist der Unterschied zwischen Hall, Plate und Room?
Ein Room simuliert einen kleinen Raum mit vielen frühen Reflexionen und kurzer Fahne, das klingt intim und nah. Eine Plate ist kein echter Raum, sondern eine schwingende Metallplatte, dicht und hell ab der ersten Millisekunde. Ein Hall ist der große Saal mit langer, weicher Fahne, der Größe und Tiefe schafft, aber dosiert werden will, sonst zuklastert er den Mix.
Welcher Reverb passt auf Vocals?
Auf Vocals funktioniert eine Plate oder eine Chamber am besten, beide sind dicht und schmeichelhaft. Wichtiger als der Typ ist die Einstellung: ein längeres Pre-Delay hält das Direktsignal vorne und damit die Stimme nah, ein nicht zu langer Decay verhindert, dass sie nach hinten rutscht. Den Reverb auf einen Send legen und bei dichten Arrangements eher sparsam dosieren.
Was sind Early Reflections?
Early Reflections sind die ersten klaren Rückwürfe von den Wänden, bevor die diffuse Hallfahne einsetzt. Sie sagen deinem Gehör, wie groß der Raum ist und wie weit die Wände weg sind. Nimmst du sie weg, bleibt nur die diffuse Fahne. Der Raum wirkt verwaschen und weiter entfernt, weil die Information über seine Größe fehlt.
Wie viel Reverb ist zu viel?
Das hängt von der Dichte des Songs ab. Je voller der Mix, desto weniger Reverb. Bei fetten Gitarrenwänden arbeitest du sparsam, sonst klastert der Hall den ganzen Mix zu. Bei einem sparsamen Song darf der Hall dagegen groß sein. Faustregel: Wenn der Reverb deutlicher auffällt als die Musik, ist es zu viel. Lad dir einen Referenzmix aus deinem Genre, dann hörst du, wo die Grenze liegt.
Was ist Reverb und wie funktioniert Hall?
Reverb, auf Deutsch Nachhall, ist die Summe vieler verzögerter Schallreflexionen, die immer leiser werden und einem Signal Raum und Tiefe geben. In einem echten Raum wirft der Schall von Wänden, Decke und Boden zurück, zuerst als einzelne frühe Reflexionen, dann als dichte Hallfahne. Im Mix baust du diesen Raum künstlich nach, weil aus zwei Lautsprechern nur das trockene Direktsignal kommt. Reverb ist damit das Werkzeug, das einen flachen Mix dreidimensional macht.
